M-VAVE FM-1: Ein DX-7 für die Hosentasche
Es gibt Synthesizer, bei denen man beim ersten Anfassen schon ungefähr weiß, was einen erwartet. Und dann gibt es Geräte wie den M-VAVE FM-1. Der kleine FM-Synthesizer wirkt auf den ersten Blick fast wie ein Spielzeug: kompakt, leicht, mit winzigem Display, kleinen Reglern und einem Gehäuse, das problemlos in einen Rucksack oder tatsächlich in die Hosentasche passt.
Aber genau hier liegt der interessante Punkt. Unter der unscheinbaren Oberfläche steckt kein simpler Mini-Synth, sondern ein ausgewachsener sechsfacher FM-Synthesizer mit 12 Stimmen, der sich technisch sehr deutlich an der Architektur des legendären Yamaha DX7 orientiert.
Und das Ganze bekommt man bei chinesischen Plattformen wie Temu inzwischen für vergleichsweise wenig Geld. Der FM-1 ist damit einer dieser kleinen Synthesizer, bei denen man sich unweigerlich fragt: Wie kann so viel Synthesizer in so wenig Gerät stecken?
Der M-VAVE FM-1 ist kein gewöhnlicher Mini-Synth
FM-Synthese hat nicht gerade den Ruf, besonders einsteigerfreundlich zu sein. Während man bei einem klassischen subtraktiven Synthesizer schnell versteht, was Oszillator, Filter und Hüllkurve machen, arbeitet ein FM-Synthesizer mit Operatoren, die sich gegenseitig modulieren.
Genau dieses Prinzip wurde Anfang der 1980er Jahre durch den Yamaha DX7 bekannt. Der Synthesizer wurde zu einem prägenden Instrument dieser Zeit und brachte Sounds hervor, die man vorher in dieser Form kaum aus Hardware-Synthesizern kannte: gläserne E-Pianos, metallische Bässe, Glocken, perkussive Klänge und diese charakteristische digitale Klarheit.
Der FM-1 nimmt dieses Konzept und schrumpft es auf ein Gerät, das gerade einmal als kleines Tascheninstrument durchgeht.
Technisch bietet der FM-1:
sechs Operatoren mit 32 FM-Algorithmen
12-fache Polyphonie
128 interne Presets und intrigierte Effekte
16-Step-Sequenzer mit Arpeggiator
Bluetooth MIDI und Audio
integrierten Lautsprecher
Akkubetrieb, über USB-C
Das Entscheidende ist aber nicht die lange Ausstattungsliste. Der eigentliche Reiz liegt in der FM-Engine.
Der Clou: Der FM-1 kann originale DX-7-Presets benutzen
Das ist für ein Gerät dieser Preisklasse schon eine ziemlich ungewöhnliche Eigenschaft. Über USB-C lassen sich entsprechende Sounddaten übertragen. Wer beispielsweise mit Dexed arbeitet, kennt das Prinzip bereits: Der Software-Synth kann DX7-SysEx-Dateien laden und verwalten. Der FM-1 kann mit solchen kompatiblen Sounddaten ebenfalls umgehen.
Damit öffnet sich für den kleinen Synthesizer eine riesige Welt an Sounds.
Man ist also nicht ausschließlich auf die 128 Werkspresets angewiesen. Im Netz existieren seit Jahrzehnten unzählige DX7-Sounds und Soundbänke. Genau diese riesige Preset-Landschaft macht den FM-1 wesentlich interessanter, als es die kleine Oberfläche zunächst vermuten lässt.
Dabei sollte man allerdings eine Sache klar sagen: DX7-kompatibel bedeutet nicht, dass der FM-1 einen originalen DX7 klanglich in jeder Hinsicht exakt reproduziert. Unterschiede bei Hardware, Wandlern und der konkreten Implementierung der Engine bleiben hörbar. Die grundsätzliche Architektur und das Preset-Format sind jedoch sehr nah am klassischen DX7-Konzept.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Der FM-1 ist kein originaler DX7 im Miniaturgehäuse. Er ist vielmehr ein moderner, extrem kompakter FM-Synthesizer, der sich stark an dessen Architektur orientiert und dessen Soundwelt zugänglich macht.
Sechs Operatoren und 32 Algorithmen
Sechs Operatoren klingen zunächst nach sechs Oszillatoren. Ganz so einfach ist es aber nicht. Die Operatoren können als Träger oder Modulatoren eingesetzt und in unterschiedlichen Kombinationen miteinander verschaltet werden. Diese Verschaltungen werden durch die sogenannten Algorithmen bestimmt.
Der FM-1 bietet insgesamt 32 Algorithmen. Dadurch lässt sich ein Klang beispielsweise sehr einfach und sauber aufbauen oder deutlich komplexer und aggressiver gestalten. Gerade bei einem E-Piano-Preset wird schnell deutlich, wie stark sich der Charakter eines Sounds verändern kann, wenn man nicht einfach nur einen Filter aufdreht, sondern direkt in die FM-Struktur eingreift.
Und genau darin steckt der eigentliche Charme des Geräts. Man kann einen vorhandenen Sound nehmen, den Algorithmus wechseln, einen Operator verstimmen oder dessen Pegel verändern und plötzlich klingt das ursprünglich ausgewählte E-Piano nicht mehr nach E-Piano.
FM-Synthese ist dadurch gleichzeitig faszinierend und etwas sperrig. Wer erwartet, innerhalb von fünf Minuten jeden Parameter intuitiv zu verstehen, wird wahrscheinlich enttäuscht. Wer dagegen Spaß daran hat, vorhandene Sounds auseinanderzunehmen und anschließend wieder zusammenzusetzen, bekommt mit dem FM-1 erstaunlich viel Spielraum.
Die Bedienung ist besser gelöst, als man zunächst denkt
Natürlich kann man von einem Gerät in dieser Größe keine riesige Bedienoberfläche erwarten. Der FM-1 arbeitet mit kleinen Bedienelementen und einem kompakten Display. Das ist nicht mit einem großen Desktop-Synthesizer vergleichbar, bei dem man mehrere Parameter gleichzeitig vor sich hat. Trotzdem hat M-VAVE die Bedienung einigermaßen clever gelöst.
Die Operatoren lassen sich gezielt auswählen und anschließend bearbeiten. Das Display zeigt dabei die entsprechenden Parameter an. Auch die Algorithmen werden visualisiert, sodass man zumindest nachvollziehen kann, wie die sechs Operatoren miteinander verbunden sind. Für spontane Klangexperimente funktioniert das überraschend gut.
Was allerdings bleibt, ist die typische Einschränkung eines Taschen-Synthesizers: Man muss sich durch Menüs und Parameter arbeiten. Wer möglichst viele Regler direkt unter den Fingern haben möchte, wird mit einem größeren FM-Synthesizer oder einer Software wie Dexed wesentlich schneller ans Ziel kommen. Der FM-1 will aber auch gar kein Ersatz für eine große Synthesizer-Oberfläche sein. Seine Stärke liegt woanders: Man nimmt ihn in die Hand und kann sofort loslegen.
Klanglich erstaunlich überzeugend
Der vielleicht wichtigste Punkt bei einem Synthesizer ist natürlich der Klang. Und hier macht der FM-1 eine deutlich bessere Figur, als man aufgrund seiner Größe und seines Preises erwarten könnte. Die typische FM-Welt ist sofort erkennbar. E-Pianos, Bässe, Glocken, metallische Sounds und digitale Flächen gehören zu den Bereichen, in denen der kleine Synth besonders zuhause ist.
Über den eingebauten Lautsprecher sollte man allerdings keine Wunder erwarten. Der ist praktisch, um unterwegs schnell etwas auszuprobieren, aber für eine ernsthafte Beurteilung des Sounds sollte man Kopfhörer, einen Mixer, ein Interface oder eine vernünftige Abhöre verwenden. Über einen externen Ausgang zeigt der FM-1 wesentlich deutlicher, was in ihm steckt.
Dabei sollte man sich trotzdem von einem Gedanken verabschieden: Der FM-1 macht aus einem 70-Euro-Taschen-Synthesizer keinen originalen Vintage-DX7. Der originale Yamaha hat seinen ganz eigenen Charakter. Auch die Unterschiede in der Ausgangsstufe und der Wandlertechnik spielen eine Rolle. Wer einen echten DX7 besitzt oder kennt, wird die Unterschiede hören. Für das Geld ist das aber nicht unbedingt der Punkt. Viel interessanter ist, dass der FM-1 überhaupt in der Lage ist, die klassische DX7-Soundwelt in einem derart kleinen und günstigen Gerät zugänglich zu machen.
Effekte machen den FM-1 alltagstauglicher
Der ursprüngliche DX7 war ein Synthesizer ohne integrierte Effekte. Das bedeutete in der Praxis: Wer einen breiten Chorus, Delay oder Hall wollte, brauchte zusätzliche Hardware. Beim FM-1 sieht das anders aus. M-VAVE hat dem kleinen Synthesizer eine interne Effektsektion spendiert. Dazu gehören unter anderem Chorus, Phaser, Distortion, Delay, Reverb und Filter.
Damit lässt sich aus einem eher trockenen FM-Sound relativ schnell etwas machen, das im Mix größer und fertiger wirkt. Die Qualität der Effekte ist dabei eher zweckmäßig als luxuriös. Das sollte man bei einem Gerät dieser Preisklasse auch nicht anders erwarten. Wer hochwertige Hallräume oder aufwendige Modulationseffekte sucht, wird mit einem guten Plugin oder externen Effektgerät bessere Ergebnisse erzielen. Für unterwegs reichen die integrierten Effekte aber vollkommen aus. Gerade Chorus und Reverb können einen FM-Sound deutlich angenehmer machen, denn FM kann trocken und hart klingen. Ein bisschen Raum oder Modulation reicht oft schon aus, damit daraus ein deutlich musikalischerer Klang wird.
Ein kleiner Sequenzer ist ebenfalls an Bord
Der FM-1 ist nicht nur zum Spielen und Programmieren gedacht. M-VAVE hat ihm auch einen kleinen 16-Step-Sequenzer spendiert. Damit lassen sich einfache Sequenzen direkt auf dem Gerät erstellen. Für komplette Produktionen wird man damit natürlich nicht arbeiten wollen. Parameterautomation, komplexe Sequenzvariationen oder moderne Funktionen wie Probability und Ratcheting gehören nicht zu den großen Stärken des Geräts. Für eine schnelle Basslinie, ein kleines Pattern oder eine spontane Sequenz ist das Ganze aber durchaus brauchbar. Dazu kommt ein Arpeggiator, der ebenfalls eher einfach gehalten ist.
Das passt eigentlich ganz gut zum Konzept des FM-1. Man bekommt ein kleines musikalisches Werkzeug, keinen kompletten Groovebox-Ersatz.
USB-C und Bluetooth machen den kleinen Synth erstaunlich flexibel
Besonders praktisch ist die moderne Konnektivität. Der FM-1 kann über USB-C mit einem Computer verbunden werden. Dabei lässt er sich unter anderem als MIDI-Gerät verwenden und bietet USB-Audio-Funktionen. Auch Bluetooth gehört zur Ausstattung. Damit wird der FM-1 interessant für Situationen, in denen man eben nicht den großen Rechner und ein komplettes Studio aufbauen möchte.
Man kann ihn beispielsweise mit einem mobilen Setup kombinieren oder einfach auf dem Sofa ein paar Sounds ausprobieren. Genau für solche Momente ist das kleine Format eigentlich perfekt. Und wenn man später doch im Rechner weiterarbeiten möchte, lässt sich das Gerät problemlos in ein DAW-Setup integrieren.
Die Hosentaschen-Idee funktioniert tatsächlich
Was beim FM-1 besonders auffällt, ist die Kombination aus Größe und Funktion. Viele Mini-Synthesizer sind entweder stark vereinfacht oder konzentrieren sich auf einen einzigen Bereich. Der FM-1 geht einen anderen Weg. Er versucht tatsächlich, eine vollständige kleine FM-Synthesizer-Engine in ein sehr kompaktes Gehäuse zu packen.
Das bedeutet natürlich Kompromisse. Die Regler sind klein. Das Display ist klein. Die Bedienung ist nicht so unmittelbar wie bei einem großen Synthesizer. Auch der interne Lautsprecher ist eher eine praktische Zugabe als eine ernsthafte Abhöre. Aber genau deshalb sollte man das Gerät auch nicht danach beurteilen, was ein großer Studio-Synthesizer besser kann.
Der interessante Vergleich lautet eher: Was bekommt man hier auf kleinstem Raum? Und darauf ist die Antwort ziemlich eindeutig: erstaunlich viel.
Und was kostet der Spaß?
Der Preis ist wahrscheinlich einer der größten Gründe, warum der FM-1 überhaupt so viel Aufmerksamkeit bekommt. Je nach Händler, Angebot und Zeitpunkt bewegt sich das Gerät auf chinesischen Plattformen wie Temu oder AliExpress ungefähr in der Größenordnung von einigen Dutzend Euro. Der tatsächliche Preis kann durch Gutscheine und Aktionen deutlich schwanken.
Damit landet der FM-1 in einer Preisklasse, in der man normalerweise eher einfache Controller oder kleine Spielzeug-Synthesizer erwartet. Hier bekommt man dagegen eine ausgewachsene sechsoperatorige FM-Engine mit DX7-kompatiblen Sounds. Das ist der eigentliche Knackpunkt.
Kein DX7-Ersatz – aber ein verdammt interessantes kleines Werkzeug
Man sollte den FM-1 nicht künstlich größer machen, als er ist. Er hat kleine Bedienelemente. Die Effekte sind nicht überragend. Der Sequenzer ist sehr einfach. Die interne Lautsprecherwiedergabe ist eher für unterwegs gedacht und die Bedienung einer sechsoperatorigen FM-Engine bleibt trotz der gelungenen Umsetzung eine gewisse Lernkurve.
Und trotzdem ist das Gerät bemerkenswert. Denn der M-VAVE FM-1 schafft etwas, das vor nicht allzu langer Zeit noch deutlich komplizierter gewesen wäre: Er bringt eine DX7-artige sechsoperatorige FM-Synthese, 12 Stimmen Polyphonie und die Möglichkeit, kompatible originale DX7-SysEx-Presets zu verwenden, in ein kleines Gerät für vergleichsweise wenig Geld.
Das ist keine perfekte Reproduktion eines Yamaha DX7. Das muss es aber auch gar nicht sein. Der FM-1 ist eher der kleine Kumpel, den man neben den Laptop legt, in den Rucksack steckt oder einfach auf dem Schreibtisch stehen lässt. Man schaltet ihn ein, lädt irgendeinen alten DX7-Sound und plötzlich hat man dieses typische E-Piano, diese metallische Glocke oder diesen digitalen Bass vor sich.
Und genau darin liegt der Charme.
Ein DX7 für die Hosentasche ist vielleicht etwas überspitzt formuliert. Aber beim M-VAVE FM-1 ist erstaunlich viel Wahrheit daran.
➜ Homepage: http://www.cuvave.com/product?id=fm-1
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