Im Spotlight: THE EYE
Warum brauchst Du Musik?
Ich wuchs in einer Familie auf, die fest von einem Mantel aus Stress und Hektik umhüllt war. Es war laut, und ein ruhiges Plätzchen war nicht zu finden. Nur in der Musik fand ich eine rettende Hand, die ich stetig ergriff, um diesem Umfeld schon in Kindheitstagen zu entkommen.
Gefühle sind oft schwer in Worte zu fassen. Musik umgeht das komplett. Durch sie fühlt man sich verstanden, selbst wenn man alleine ist, und somit zog ich mich immer mehr zurück. Zuletzt war ich der „ewige Träumer“ in der Familie. Während Mutter und Schwester zu voll aufgedrehtem Radio die rockigen Stücke nachtanzten, der Hausherr bei Jazz und Blues eine imaginäre Trompete an den Mund hielt und mir zu verstehen gab, dass nur das die reine Musik ist, verkroch ich mich unter einen Baum im Hof und starrte in den Himmel.
Als ich endlich mein eigenes Reich in Form eines abgetrennten Zimmers bekam, dazu einen Plattenspieler, war ich restlos glücklich – bis auf jene Tatsache, dass die Platten nicht dem entsprachen, was ich gerne hörte. So war es eher die Klassik wie Beethoven, Schubert, Vivaldi und Co., die bei mir in der ehemaligen DDR auf den Teller kamen. Die einzigen Scheiben einer Ostrockband waren Karat mit ihren melancholischen Stücken oder Citys Maxi „Am Fenster“. Jede freie Minute verbrachte ich vor diesem drehenden Teil, auf dem Teppich liegend, verloren in Gedanken.
Jene geliebten Stücke wurden Teil meiner eigenen Identität: „Das bin ich, so fühle ich, so denke ich.“ Musik ist für mich nicht nur Tanzwerk oder Nebenkulisse des Lebens. Sie ist für mich existenziell, da ich mich in ihr grenzenlos verlieren kann, in ihr finde ich Erfüllung. Meine bessere Hälfte ist ebenfalls „Dauerkonsument“, was Musik angeht. Nur nicht alles, was aus meinen Händen kommt, findet bei ihm Gehör, was ich durchaus verstehen kann, wenn Boxen als probates Mittel eingesetzt werden, um Staub zu wischen. Die darf aber nur von Vinyl oder Tonband kommen, CDs werden gerade so geduldet.
Welchen Song sollten sich die Besucher Deiner Artistpage unbedingt anhören?
Ja, welchen bloß… einen Song über Verlust, den Tod oder eine schlichte Beobachtung? Oder doch lieber eine der vertonten fiktiven „Erzählungen“ hier oder Songs über den menschlichen Makel? Wohl eine Frage des Geschmacks. In unserem Portfolio liegen eher die unschönen Seiten des Lebens musikalisch vor – jene, die verdrängt werden, die polarisieren, einem den Spiegel vorhalten, Themen, mit denen man sich nicht auseinandersetzen möchte.
Hinzu kommt noch, dass wir überwiegend auf „Gapless“-Basis produzieren, in 80 Minuten ein Thema in einer Story verpacken, die ohne störende Pausen angehört werden kann. Die hier vorgestellten Alben beinhalten meist nur ein bis zwei Tracks, sodass der ganze Inhalt nicht zum Tragen kommt. Angenagelt würde ich sagen: „THE HAWKE“ oder ein „Fishing“ aus der SOUND EXHIBITION Kollektion, eben einzelne Tracks, die hier und da mal entstanden sind. Definitiv braucht man bei uns etwas mehr Zeit – ich bekomme unter fünf Minuten echt nichts gebacken.
Was bedeutet MyOwnMusic für Dich?
Einfach alles! Inspiration, Ärgern, Freuen, Nörgeln, Lachen und Weinen und ganz wichtig: Wissensaustausch. Mal abgesehen von reichlicher Unterhaltung hier, was Musik angeht, ist doch irgendwie das ganze Leben vertreten. Wenn auch so manches „ungeschrieben bleiben“ könnte, so ist es für viele hier ein virtuelles Gasthaus mit permanenter Unterhaltung von jenem Gut, wonach es einen dürstet, wo so manche ihren Stammtisch mit Gleichgesinnten teilen.
Die Krönung jedoch ist ein Zusammentreffen außerhalb dieser Räumlichkeiten, das persönliche Kennenlernen, wenn es an der Tür klingelt und jenes „Spielzimmer“ zur Hochburg des Hobbys wird. Jedem wird erst hier bewusst, dass es ohne MoM jenen Menschen im Studio nicht geben würde. Ich habe definitiv davon profitiert und schätze jede Freundschaft, die ich durch diese Plattform kennengelernt habe und hoffentlich noch kennenlernen werde. So manches Album wäre ohne das Zutun der hier kennengelernten Musiker nur schwer umsetzbar gewesen. Ein großes Dankeschön an jene, die mir dazu verholfen haben. Dank MoM kann ich aus den Vollen schöpfen und immer wieder neue kreative Leute kennenlernen.
Wovon wirst Du am meisten beeinflusst?
Da muss ich etwas zurückgreifen, wenn es gestattet ist, um jenen mich faszinierenden, musikalisch prägenden Einfluss für die Ewigkeit zu schildern. Es war schon stockfinster draußen, als kleine Steinchen an mein Fenster geworfen wurden. Unten stand ein Nachbarsjunge, der zwei Jahre älter war als ich, mit einem Kassettenrekorder auf dem Arm. Leise sagte er zu mir, ich solle herunterkommen, er müsse mir etwas zeigen.
Ich schlich mich also aus dem Haus, und wir gingen zu einer Kiesgrube in einem Kieferwald ganz in der Nähe. Diese war noch im Abbau, und am Ufer des gebildeten Sees lagen monströse Betonrohre übereinandergestapelt, groß genug, um sich gemütlich hineinzusetzen oder zu legen. Mit den Worten: „Du musst dir mal das hier anhören“, verschwand er ans andere Ende dieser langen Röhre, legte den Rekorder dort ab und verschwand im Dunkeln.
Ein leises Ticken, wie von einer Uhr, kroch mir langsam ins Ohr, wurde zunehmend lauter, bis alles in ein wildes Läuten mündete. Die Dunkelheit und das Ticken schürten Unbehagen, der Wald und das schwarze Wasser taten den Rest. Angst machte sich breit, als plötzlich ein fett angeschlagener Bass mich in eine Horrorszene beamte. Schiss und Verlorenheit von einer Sekunde auf die andere – und gleichzeitig musikalisch geimpft, infiziert von einer Droge namens „unbekannter Klang“, dieser Reichtum an Kreativität und Soundkulisse, ein Wahnsinnsspektakel.
So etwas hatte ich noch nie gehört, etwas völlig Neues manifestierte sich in meinem Kopf. Durch Pink Floyds „Time“ wurde wohl mein Musikgeschmack geprägt, eher noch manifestiert – das ging nicht mehr aus dem Kopf. Das Feld der Favoriten fächerte sich mit zunehmendem Alter weiter auf, über Klaus Schulze, Tangerine Dream und die üblichen Verdächtigen aus der Elektroszene bis hin zu Propaganda, Deine Lakaien, Anne Clark oder Phillip Boa.
Der Rockbereich war nicht so mein Ding, mit Ausnahme von Led Zeppelin, die mir immer wieder mal einen Besuch von Uniformierten einbrachten, weil Nachbarn einen Panzer über sich gehört haben wollten. Ach ja, da traten noch solche Exoten wie Tomita, Dead Can Dance, Brendan Perry, Everstar, Vespertina oder Elijah’s Mantle in mein Leben – wie man bemerkt, eher weit weg vom Mainstream und vielleicht das eine oder andere Röschen im Stacheldrahtkorsett.
Welches Equipment benutzt Du?
Ich wische gerne Staub, und mit einem großen Antistatikpinsel werde ich wohl auch begraben werden … ausschließlich Hardware: von Synthesizern, Drum-Maschinen, Sequenzern, etlichen Audio- und MIDI-Patchbays über Mixer und Konsolen bis zu Effektgeräten. Lediglich das letzte Glied in der Kette ist eine DAW, die mir mehr Spuren bietet als ein Mehrspurrecorder.
Ich brauche Knöpfe, Fader und Potis. Das haptische Arbeiten an physischen Geräten erlaubt mir mehr Freiraum und kreatives Spielen an mehreren Geräten gleichzeitig. Allein die Übersicht über sämtliche Regler- und Filterstellungen beim Live-Spielen ist unersetzlich. Tja, und dann ist da noch dieser individuelle Klang, den ich jedem VST vorziehen würde. Das ist meine Empfindung beim „Drehen und Schrauben“.
Mit wem würdest Du gerne mal zusammenarbeiten?
Wenn ich das nicht schon tun würde, was mir unheimlich zusagt, so fällt mir auf die Schnelle keiner so recht ein. Wenn die Welt doch nur nicht so groß wäre…
Wie lautet Dein Motto?
Ein musikalisch Taktloser erklärt sich: „Gefühl kennt keinen Takt“
Was sind Deine All-Time-Top 10?
Pink Floyd – „Shine On You Crazy Diamond“
Pink Floyd – „High Hopes“
Led Zeppelin – „Kashmir“
Dead Can Dance – „Children of the Sun“
Dead Can Dance – „Amnesia“
Phillip Boa – „Standing Blinded on the Rooftops“
Klaus Schulze – „Silent Running“
Brendan Perry – „This Boy“
Tomita – „Pictures at an Exhibition“
Lisa Gerrard & Marcello De Francisci – „Until We Meet Again“
Was magst Du absolut nicht?
Rigide Menschen und „echte Kerle“ mit machistischem Verhalten
Was ist Dein Geheimtipp hier bei MyOwnMusic?
Ja, immer wieder und wieder: Raymon Kee – Somewhere
Kommentare
Sturmwind vor 7 Tagen
Sein musikalisches Gespür in seinem Bereich machen ihn für MOM unersetzlich.
Ich lese seine Thread Beiträge auch sehr gerne.
Seine Emotionalität kommt mir bekannt vor.
Guter Mann!
Auch bin ich sehr dankbar für seine Hilfe mich im Ambient einzuführen und wertvolle Tips zum selbst erstellen mitgeben konnte.
Ein ganz feiner Mensch mit ebenso feinen Gespür Gefühle und Atmos in instrumentaler Form darbieten zu können.
Ein spannendes Interview das ich sehr gern mit einem Lächeln begleitet gelesen habe.
Also recht herzlichen Dank an Marco und natürlich für die Kommentare aus der Community. Es freut mich sehr, dass es Euch geben tut und gebe gerne jede Zeile inhaltlich zutreffend an die Schreiberlinge zurück.
Habe ich sehr gerne gelesen...
Alexander Supertramp vor 13 Tagen
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