Causa Fender: Jetzt klagt Thomann!
Die Gitarrenbranche erlebt derzeit einen der bedeutendsten Rechtsstreitigkeiten der vergangenen Jahre. Der deutsche Musikhändler Thomann hat offiziell rechtliche Schritte gegen Fender eingeleitet und stellt sich damit gegen die umstrittene Strategie des US-Gitarrenherstellers, die legendäre Stratocaster-Korpusform stärker rechtlich zu schützen. Über die jüngsten Vorgehensweisen von Fender und die daraus resultierenden Abmahnungen gegen Hersteller und Händler hatten wir bereits ausführlich berichtet. Was zunächst mit Abmahnungen gegen kleinere Gitarrenbauer begann, entwickelt sich nun zu einem Konflikt, der das Potenzial hat, die gesamte Gitarrenindustrie nachhaltig zu verändern.
Die Auseinandersetzung betrifft nicht nur zwei der bekanntesten Namen der Musikbranche. Vielmehr geht es um grundlegende Fragen des Urheberrechts, des Designschutzes und der Wettbewerbsfreiheit. Zahlreiche Hersteller, Händler und Musiker verfolgen die Entwicklungen mit großer Aufmerksamkeit, denn das Ergebnis könnte darüber entscheiden, welche Gitarrenformen künftig frei verwendet werden dürfen und welche nicht.
Ein Konflikt mit weitreichenden Folgen
Seit mehreren Wochen sorgt Fender mit einer Reihe von Unterlassungsaufforderungen für erhebliche Unruhe in der internationalen Gitarrenindustrie. Betroffen sind Hersteller und Händler von sogenannten „S-Style“-Gitarren – Instrumenten, deren Korpusform stark an die berühmte Stratocaster erinnert. Fender beruft sich dabei auf ein Urteil des Landgerichts Düsseldorf aus dem Jahr 2025, das die Stratocaster-Form als urheberrechtlich geschütztes Werk der angewandten Kunst einstufte.
Dieses Urteil sorgte bereits unmittelbar nach seiner Veröffentlichung für intensive Diskussionen. Viele Branchenexperten wiesen darauf hin, dass die Stratocaster-Form seit Jahrzehnten von unzähligen Herstellern aufgegriffen, verändert und weiterentwickelt wurde. Dennoch sieht Fender in dem Urteil eine wichtige Grundlage, um gegen Nachahmungen vorzugehen.
Auf Grundlage dieser Entscheidung verschickte Fender über die Kanzlei Bird & Bird zahlreiche Abmahnungen. Die Forderungen gingen dabei weit über ein einfaches Einstellen der Produktion hinaus. Teilweise wurden Rückrufaktionen, Verkaufsstopps sowie die Offenlegung von Kundendaten verlangt. Mehrere bekannte Hersteller bestätigten öffentlich den Erhalt solcher Schreiben. Darunter befinden sich unter anderem PRS und verschiedene Boutique-Gitarrenbauer aus den USA.
Für viele kleinere Unternehmen stellte dies eine erhebliche Belastung dar. Bereits die juristische Prüfung einer solchen Abmahnung kann hohe Kosten verursachen. Hinzu kommt die Unsicherheit darüber, ob bestehende Produkte weiterhin verkauft werden dürfen oder kurzfristig vom Markt genommen werden müssen.
Thomann zieht vor Gericht
Nun schlägt Thomann zurück. Das fränkische Unternehmen, das als größter Musikhändler der Welt gilt, hat eine eigene Klage gegen Fender eingereicht. Nach Angaben des Unternehmens geht es dabei nicht ausschließlich um die eigenen Interessen, sondern auch um zahlreiche kleinere Hersteller, die sich einen langwierigen Rechtsstreit mit Fender finanziell kaum leisten könnten.
Mit diesem Schritt nimmt Thomann eine ungewöhnliche Rolle ein. Statt lediglich auf die Forderungen zu reagieren, sucht das Unternehmen aktiv die gerichtliche Klärung der Rechtslage. Ziel ist es offenbar, eine verbindliche Entscheidung zu erhalten, die für die gesamte Branche mehr Rechtssicherheit schafft.
Besonders betroffen ist Thomanns Eigenmarke Harley Benton. Mehrere Modelle orientieren sich an klassischen Gitarrendesigns, darunter auch Instrumente im Stil der Stratocaster. Dadurch gerät das Unternehmen nicht nur als Händler, sondern auch als Hersteller direkt in den Fokus der aktuellen Auseinandersetzung.
Für Thomann steht daher nicht nur eine juristische Grundsatzfrage im Raum, sondern auch ein wirtschaftliches Interesse. Harley Benton gehört seit Jahren zu den erfolgreichsten Eigenmarken im europäischen Musikinstrumentenmarkt und bietet zahlreiche Instrumente an, die sich optisch an historischen Gitarrenklassikern orientieren.
Hans Thomann sieht Verantwortung für die gesamte Branche
Geschäftsführer Hans Thomann begründet den Schritt mit einer besonderen Verantwortung gegenüber der Musikinstrumentenbranche. Nach Ansicht des Unternehmens verfügen viele kleinere Gitarrenbauer nicht über die finanziellen Mittel, um sich gegen einen Weltkonzern juristisch zur Wehr zu setzen. Deshalb wolle Thomann die Rechtslage in einem ordentlichen Gerichtsverfahren umfassend klären lassen.
Der Musikhändler betont dabei, dass die bisherige Düsseldorfer Entscheidung auf einem Versäumnisurteil basiert. Der ursprünglich beklagte chinesische Händler war damals nicht vor Gericht erschienen, wodurch es nie zu einer vollständigen Beweisaufnahme oder einer ausführlichen juristischen Auseinandersetzung gekommen sei. Genau diese Prüfung soll nun nachgeholt werden.
Aus Sicht von Thomann ist dies ein entscheidender Punkt. Das Unternehmen argumentiert, dass die Tragweite eines solchen Urteils eine umfassende gerichtliche Prüfung erfordere. Schließlich gehe es nicht um ein einzelnes Produkt, sondern um eine Form, die seit Jahrzehnten von Herstellern auf der ganzen Welt genutzt wird.
Viele Beobachter teilen diese Einschätzung. Sie sehen in dem bevorstehenden Verfahren die Möglichkeit, zentrale Fragen erstmals ausführlich vor Gericht diskutieren zu lassen.
Der Kern des Streits: Wem gehört die Stratocaster-Form?
Im Zentrum des Konflikts steht eine grundlegende Frage: Kann die Form einer E-Gitarre nach mehr als 70 Jahren exklusiv geschützt werden?
Die Stratocaster gilt als eines der einflussreichsten Instrumente der Musikgeschichte. Seit ihrer Einführung im Jahr 1954 wurde sie von unzähligen Musikern gespielt und prägte Generationen von Rock-, Blues-, Pop- und Metal-Gitarristen. Gleichzeitig entwickelte sich ihre charakteristische Form zu einem der bekanntesten Designs der gesamten Musikinstrumentenbranche.
Thomann argumentiert, dass die berühmte Stratocaster-Form in erster Linie funktionalen Zwecken diene. Die charakteristischen Konturen seien nicht nur aus ästhetischen Gründen entstanden, sondern sollten Komfort, Ergonomie und Spielbarkeit verbessern.
Zu den wichtigsten Argumenten gehören:
- Die ausgeprägten Cutaways erleichtern den Zugang zu hohen Bünden.
- Die Korpusform verbessert die Balance des Instruments.
- Die ergonomischen Fräsungen erhöhen den Spielkomfort.
- Die Form wurde über Jahrzehnte von unzähligen Herstellern weiterentwickelt.
Nach Auffassung von Thomann hat sich die Grundform dadurch längst zu einem festen Bestandteil der Gitarrenkultur entwickelt. Aus ihr entstanden zahlreiche Varianten wie die sogenannten Superstrats, die wiederum Innovationen innerhalb der gesamten Branche vorangetrieben haben.
Viele moderne Gitarrenmodelle wären ohne die ursprüngliche Stratocaster-Idee kaum denkbar. Hersteller wie Ibanez, Jackson, Charvel, ESP oder Schecter entwickelten auf Basis des Grundkonzepts eigene Interpretationen, die heute wiederum als eigenständige Klassiker gelten.
Genau deshalb stellt sich die Frage, ob eine Form, die über Jahrzehnte hinweg zum Industriestandard geworden ist, heute noch exklusiv einem einzelnen Unternehmen zugeordnet werden kann.
Fender verteidigt sein historisches Erbe
Fender sieht die Situation naturgemäß anders. Das Unternehmen verweist auf die historische Bedeutung der Stratocaster und betrachtet die Form als unverwechselbaren Bestandteil der eigenen Markenidentität. CEO Edward „Bud“ Cole erklärte kürzlich, dass es Fender nicht darum gehe, Hersteller zu bestrafen. Vielmehr wolle man verhindern, dass ikonische Designs kopiert und verwässert werden.
Aus Sicht des Unternehmens handelt es sich bei der Stratocaster nicht lediglich um eine funktionale Gitarrenform. Fender betrachtet das Design als kreatives Werk mit hohem Wiedererkennungswert, das eng mit der Geschichte und dem Erfolg der Marke verbunden ist.
Cole betonte außerdem, dass Fender keine flächendeckenden Klagen gegen Musiker oder Sammler plane. Ziel sei vielmehr der Schutz des geistigen Eigentums und die Förderung eigenständiger Produktentwicklungen innerhalb der Branche.
Fender verweist dabei auf andere Industrien, in denen bekannte Designs ebenfalls geschützt werden. Das Unternehmen argumentiert, dass Innovationen nur dann langfristig gefördert werden können, wenn kreative Leistungen rechtlich abgesichert bleiben.
Jahrzehntelange Partnerschaft gerät ins Wanken
Besonders bemerkenswert ist die emotionale Komponente des Konflikts. Fender und Thomann verbindet eine jahrzehntelange Geschäftsbeziehung. Beide Unternehmen wurden im Jahr 1954 gegründet – genau in dem Jahr, in dem auch die Stratocaster vorgestellt wurde. Seit Jahrzehnten gehören Fender-Produkte zum festen Sortiment des deutschen Händlers.
Gerade deshalb zeigt sich Thomann von Fenders Vorgehen enttäuscht. In seiner Stellungnahme beschreibt das Unternehmen die aktuelle Entwicklung als überraschend und bedauerlich. Die Beziehung zwischen beiden Firmen sei stets von gegenseitigem Respekt geprägt gewesen.
Dass ausgerechnet zwei der bekanntesten Namen der Musikbranche nun vor Gericht aufeinandertreffen könnten, verleiht dem Fall zusätzliche Brisanz. Viele Händler und Hersteller beobachten aufmerksam, wie sich die Beziehung zwischen den beiden Unternehmen weiterentwickeln wird.
Was jetzt passieren könnte
Mit der Klage beginnt nun eine neue Phase des Konflikts. Während bisher vor allem Abmahnungen und öffentliche Stellungnahmen den Ton bestimmten, wird die Auseinandersetzung künftig vor Gericht geführt. Dort könnten erstmals die zentralen Fragen rund um Urheberrecht, Designschutz und die Grenzen historischer Gitarrenformen umfassend geprüft werden.
Juristen erwarten, dass das Verfahren komplex werden dürfte. Dabei könnten historische Dokumente, Designunterlagen, technische Aspekte der Gitarrenkonstruktion sowie die Entwicklung des Marktes über mehrere Jahrzehnte hinweg eine Rolle spielen.
Viele Branchenbeobachter gehen davon aus, dass das Verfahren richtungsweisend für den gesamten Musikinstrumentenmarkt sein könnte. Sollte Thomann Erfolg haben, könnten zahlreiche Hersteller aufatmen. Sollte sich hingegen Fender durchsetzen, könnte dies die Produktion und den Verkauf vieler S-Style-Gitarren in Europa nachhaltig verändern.
Darüber hinaus könnte das Urteil auch Auswirkungen auf andere klassische Instrumentendesigns haben. Experten schließen nicht aus, dass ähnliche Diskussionen künftig auch bei anderen bekannten Gitarrenformen geführt werden könnten.
Fazit
Die Klage von Thomann gegen Fender ist weit mehr als ein Streit zwischen zwei bekannten Unternehmen. Sie berührt grundlegende Fragen über geistiges Eigentum, Innovation und die Zukunft klassischer Gitarrendesigns. Während Fender sein berühmtestes Modell schützen möchte, sieht Thomann die kreative Vielfalt einer ganzen Branche in Gefahr.
Der Fall zeigt eindrucksvoll, wie schwierig die Balance zwischen dem Schutz historischer Designs und dem freien Wettbewerb sein kann. Beide Seiten vertreten nachvollziehbare Positionen, weshalb das Verfahren mit großer Spannung verfolgt wird.
Wie das Verfahren ausgehen wird, ist derzeit völlig offen. Sicher ist jedoch schon jetzt: Die Entscheidung könnte die Gitarrenwelt für viele Jahre prägen und möglicherweise darüber bestimmen, wie mit ikonischen Instrumentendesigns in Zukunft umgegangen wird.
➤ Pressemitteilung: https://www.thomann.de/blog/de/inside/thomann-hat-rechtliche-schritte-gegen-fender-eingeleitet
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