Musik in der DDR (3): Jugendradio DT64
Als in den 1960er-Jahren die Freie Deutsche Jugend (FDJ) das Deutschlandtreffen der Jugend organisierte, ahnte niemand, dass aus einem kurzfristigen Radioprojekt ein prägender Sender für fast drei Generationen werden würde. Am 15. Mai 1964 startete im DDR-Rundfunk ein „Sonderstudio zum Deutschlandtreffen der Jugend“ und sendete 99 Stunden nonstop Musik, Service und Berichte – unter dem Kürzel DT64 (Deutschlandtreffen 1964) wurde daraus ein Jugendsender, der bald in ganz Ostdeutschland zu empfangen war.
Schon früh hedete DT64 eine doppelte Rolle: Einerseits bot es pop- und beatorientierte Musik für junge Menschen in einem Land, in dem viele Medien stark staatlich kontrolliert waren. Andererseits wurde es von der SED-Führung instrumentalisiert – bis in die 1980er-Jahre galt der Sender als ein Mittel, junge Leute mit „jungem Sound“ bei der Stange zu halten, statt Westradio zu hören.
Aufbruch in den 1980er Jahren
Eine klare Zäsur kam 1986, als *DT64 aus dem bisherigen Programm herauswuchs und zu einem eigenständigen Radiosender wurde. Priorität hatte nun ein jugendliches Musikmix-Format, das unterschiedlichste Genres abdeckte: von Rock über Punk und Synthie bis zu Pop und später elektronischer Musik – eine Seltenheit im sonst stark regulierten DDR-Medienraum.
Im Sender etablierten sich Sendungen, die Kultstatus erreichten:
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„Morgenrock“, ein Start in den Tag mit frischen Tracks.
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„Hit-Globus“, Musikmix und Chart-Rubrik.
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„Parocktikum“, das unbekannte Bands aus Ost und West präsentierte.
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Elektronische Musiksendungen, die später Teil der offiziellen Techno-Szene wurden.
Zum Klangbild gehörte ebenso, dass DT64 viele junge Menschen erstmals auf Augenhöhe an Informationen heranführte – auch politisch. In den späten 1980er-Jahren berichtete der Sender über Montagsdemonstrationen und gesellschaftliche Veränderungen, lange bevor andere DDR-Medien dies taten.
DT64 im Umbruch und Protestbewegung
Mit dem Fall der Mauer und der politischen Wende 1989 kam *DT64 in eine dramatische Phase. Der Einigungsvertrag zwischen DDR und BRD sah vor, die östliche Rundfunklandschaft neu zu ordnen. Dies führte dazu, dass *DT64 entweder in eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt überführt oder abgeschaltet werden sollte. Besonders viele junge Hörer fürchteten das Aus.
Was folgte, war eine einzigartige Protestbewegung:
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In mehreren ostdeutschen Städten gingen Tausende für den Erhalt des Senders auf die Straße, allein in Dresden demonstrierten am 16. November 1991 mehr als 10 000 Menschen.
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Freundeskreise und Unterstützer initiierten Petitionen, Besetzungen und Solidaritätsaktionen.
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Der Kultsender wurde zum Symbol jugendlicher Identität und eines freien, subkulturellen Austauschs.
Parallel trug DT64 selbst zur musikalischen Protestkultur bei: Aufrufe zur Unterstützung, Live-Übertragungen von Veranstaltungen und die Verbindung zur aufkommenden Technokultur machten den Sender zum Treffpunkt einer jungen Generation auf der Suche nach Ausdruck und Freiheit.
Musik, DJs und Acts – die Stimme der Zeit
Ein entscheidender Faktor für den Erfolg von DT64 war nicht nur das Programm, sondern auch die Menschen dahinter – DJs, Moderator:innen und Musiker, die später bedeutende Karrieren machten:
Marusha (Marion Aphrodite Gleiß)
Die Deutsch-Griechin begann ihre Radioarbeit 1991 bei DT64 mit der Sendung Dancehall, einer der ersten Techno-Radiostunden überhaupt. Hier erreichte sie viele junge HörerInnen mit elektronischen Beats. Nach dem Ende von DT64wechselte Marusha zum Berliner Sender Fritz, moderierte dort „Rave Satellite“, und erlangte Mitte der 1990er-Jahre eigene Erfolge als DJ und Produzentin – unter anderem mit ihrem Hit „Somewhere Over the Rainbow“.
André Langenfeld
Geboren 1970 in Ost-Berlin, fand Langenfeld durch die Ausbildung zum DJ und Moderator seine erste große Bühne bei DT64. Er moderierte Hip-Hop-Sendungen wie „Die Yo! Show“ und etablierte sich nach der DT64-Zeit weiter beim Radiosender Fritz, wo er Hip-Hop-Formate und Nachtprogramme gestaltete. Heute arbeitet er auch bei ByteFM.
Thomas Hehde
Auch Hehde lernte sein Handwerk bei DT64: Er ging nach der Wende zum neu gegründeten Antenne Brandenburg und machte dort Shows wie „Dance Party“ und „Partyzeit“ bekannt, die bis heute weiterlaufen. Er blieb der Radiowelt verbunden – als Moderator, DJ und Lehrer für Medienmacher.
Weitere Stimmen und Senderpersönlichkeiten:
Das Netzwerk DT64 war groß: Journalist:innen, Moderator:innen und später Fernsehgesichter wie Jörg Wagner, Silke Hasselmann, Susanne Daubner und Lutz Schramm gehörten zur Redaktion. Viele arbeiteten später bei Sendern wie radioeins, MDR Sputnik oder im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Ende und Nachleben
Formal endete die Ära von DT64 1993, als der Sender in MDR Sputnik umbenannt wurde. Trotz der Proteste und Demonstrationen konnten die Verantwortlichen der ostdeutschen Medienpolitik den Sender nicht als eigenes öffentlich-rechtliches Jugendradio erhalten.
Doch der Einfluss von DT64 blieb:
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Technomusik und Rave-Kultur fanden über den Sender einen Nerv und trugen zur Jugendkultur der frühen 1990er bei. Die Mayday-Partys, erstmals als Save Jugendradio – DT64 organisiert, wurden zu einem der größten Indoor-Raves Deutschlands.
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Zahlreiche Musiker, DJs und Radiomacher knüpften an ihre Arbeit bei DT64 an und prägten Medien und Clubszene in ganz Deutschland.
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Die Erinnerungskultur lebt: Ausstellungen, Bücher und Veranstaltungen wie „Power von der Eastside!“ würdigen die Bedeutung des Senders heute noch als kulturelles und gesellschaftliches Phänomen.
Fazit: Mehr als nur Radio
DT64 war weit mehr als ein Radiosender im DDR-Funknetz. Es war ein Ort der musikalischen Entdeckung, ein Forum für Austausch und Identität, und in den Jahren des Umbruchs ein Ausdruck jugendlicher Stimme und kritischer Auseinandersetzung. Für viele Menschen im Osten wurde der Sender zum Soundtrack ihrer Jugend und ein Symbol für Freiheit, Kreativität und Gemeinschaft – einer, dessen Nachhall man bis heute in Radioprogrammen, Clubs und kulturellen Debatten spürt.
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