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Marco Torrance am 08.09.26 um 17:17Offtopic: Im Tal der Blauen
Ich mache gerade Kur in Bad Gottleuba. Ein Ort, der sich in ein Tal legt, ruhig und grün, mit der Gottleuba als Begleiterin. Von hier aus ist Dresden nicht weit, Pirna noch näher, und bis zur tschechischen Grenze sind es nur wenige Kurven durch Wald und Dorf. Es ist eine Gegend, die aufgeräumt wirkt: gepflegte Häuser, sanierte Fassaden, kleine Orte, in denen die Dinge oft erstaunlich ordentlich aussehen.
Die Sächsische Schweiz ist natürlich mehr als Kulisse. Sie ist Nationalpark, Wanderland, Ferienregion und Heimat. Und sie ist politisch ein Ort, der Fragen aufwirft. Bei der Landtagswahl 2024 gewann die AfD sämtliche vier Wahlkreise im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge direkt; im Wahlkreis 51, zu dem Bad Gottleuba-Berggießhübel gehört, lag ihr Direktkandidat bei 45,1 Prozent. Das ist keine Randnotiz, sondern eine deutliche Ansage.
Was mich während der Kur beschäftigt: Das übliche Bild, das manche über diese Region zeichnen, passt nicht recht zu dem, was ich sehe. Ich sehe keine überforderte, zerfallene Gegend. Ich sehe auch nicht jene angeblich allgegenwärtige „Überfremdung“, von der in politischen Debatten so oft die Rede ist. Menschen mit internationaler Geschichte fallen hier kaum als Gruppe auf. Und wenn man ihnen begegnet, dann häufig mitten im Alltag – bei der Arbeit, im Service, in der Versorgung.
Meine Kurärztin ist eine von ihnen. Sie kam 2015 aus Syrien nach Deutschland, hat hier ihren Weg weitergemacht und Medizin studiert. Heute begleitet sie mich fachlich, freundlich und mit einer Selbstverständlichkeit, die eigentlich keiner besonderen Erwähnung bedürfte. Sie trägt ihren weißen Kittel, ihr Haar offen, stellt präzise Fragen und erklärt ruhig, was als Nächstes ansteht. Man könnte sagen: genau so sieht gelungene Integration aus. Aber eigentlich ist sie mehr als das. Sie ist einfach Ärztin.
Vielleicht liegt genau darin ein Teil des Widerspruchs. Das reale Leben ist meist leiser als die Erzählungen, die darüber kursieren. Die Menschen, die man im Krankenhaus, in der Küche oder im Laden trifft, sind keine Schlagzeilen. Sie sind Kolleginnen, Nachbarn, Fachkräfte. Ihr Alltag ist nicht spektakulär genug für Empörung – und vielleicht deshalb politisch so unsichtbar.
Ein paar Fakten passen ebenfalls schlecht zu der Erzählung vom abgehängten Landstrich:
Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge lag die Arbeitslosenquote im Mai 2026 bei 5,4 Prozent – der niedrigste Wert aller sächsischen Landkreise und kreisfreien Städte.
Die Angebotsmieten liegen im Landkreis deutlich unter den Preisen vieler deutscher Großstädte; für Bad Gottleuba-Berggießhübel wurden zuletzt im Schnitt rund 7,50 Euro kalt pro Quadratmeter ausgewiesen.
Die Region verbindet vergleichsweise günstiges Wohnen mit einer Landschaft, für die andere Menschen weit reisen: Felsen, Wälder, Elbtal, böhmische Grenze.
Das heißt nicht, dass hier alles gut sein muss. Niedrige Arbeitslosigkeit erzählt nichts darüber, ob sich Menschen gesehen fühlen. Günstige Mieten beseitigen keine Angst vor Veränderung. Gepflegte Häuser heilen keine Enttäuschungen über Politik, Behörden, fehlende Busverbindungen oder das Gefühl, dass Entscheidungen immer anderswo getroffen werden.
Und doch bleibt für mich diese Frage im Tal der Blauen stehen: Warum ist die AfD hier so stark?
Bloßer Frust, mit Armut oder einem sichtbaren gesellschaftlichen Kontrollverlust scheint es definitiv nicht zu sein!
Reiner Frust über die Regierung wäre wohl auch zu einfach und zu pauschal gedacht. Denn mal Hand auf's Herz, echtes Frustwählen geht anders!
In einer Gegend wie hier, könnte man seine Fruststimme der Tierschutzpartei geben!
Henk de Latra vor 8 Tagen
Dies ist natürlich kein Grund für mich das Häkchen bei der nächsten Wahl entsprechend zu setzen, ist aber anscheinend entscheident für viele Mitbürger dies zu tun. Unser eigentliches Problem in Deutschland ist die Verantwortungslosigkeit - vor allem in der Politik. Etablierte Parteien der Nachkriegszeit haben es in den letzten Jahrzehnten einfach verk..kt. Es wird immer über Reformen gesprochen, nur bedeutet dies meist keine Verbesserung für die meisten Menschen, nur Veränderung, oft mit höheren Belastungen.
Fehlplanungen, Versäumnisse und Vertagungstaktiken in allen relevanten Bereichen (Gesundheitssystem, Bildungssektor, Infrastruktur...) und keiner der wirklich anpackt und etwas positiv verändert (so hat man das Gefühl).
Und da kommen die Blauen ums Eck, greifen sich gezielt diese Punkte, und treffen mit solchen Themen voll ins Wählerherz. Wer sich mit der Geschichte auskennt, weiß das dies schon einmal funktionierte. Schlimm daran sind die vielen Faktoren welche ein Blauwähler mit seinem Häkchen unbedacht ebenfalls ändert. Das endet dann Schlimmstenfalls mit dem Ende von Meinungsfreiheit und Bürgerrechten.

