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Marco Torrance am 01.08.26 um 22:46Offtopic: Europa zahlt Steuern. Amerika zahlt Rechnungen
Wer öfters mal durch Internet scrollt, kennt das Spiel. Europa? Ein angeblich untergehender Kontinent. Deutschland? Totreguliert. Frankreich? Sozialismus. Skandinavien? Ein steuerfinanziertes Experiment kurz vor dem Kollaps.Die Botschaft ist immer dieselbe: „Schaut euch Europa an. Hohe Steuern zerstören den Wohlstand.“
Klingt zunächst einfach. Fast schon zu einfach. Denn während sich manche Influencer darüber lustig machen, dass Deutsche oder Dänen einen höheren Spitzensteuersatz zahlen, vergessen sie einen kleinen, winzigen, fast schon unbedeutenden Punkt: In vielen europäischen Ländern muss niemand überlegen, ob er sich nach einem Herzinfarkt überhaupt den Krankenhausaufenthalt leisten kann.
Das ist ein Unterschied, den man nicht einfach mit einem Meme wegdiskutieren kann.
➤ Und die Amis so: „Aber eure Steuern!“
Ja, Europa hat höhere Steuern und Sozialabgaben als die USA. Das stimmt. Aber was in dieser Diskussion allerdings regelmäßig fehlt, ist die Gegenfrage:
Was bekommt man eigentlich dafür?
In vielen europäischen Ländern gehören unter anderem dazu:
- eine gesetzliche Krankenversicherung
- bezahlbare Universitäten oder sogar kostenlose Hochschulen
- längere Elternzeiten
- gesetzlicher Urlaub
- Kranken- und Pflegeversicherung
- ein deutlich stärkeres soziales Sicherheitsnetz
- und von Arbeitsgesetzen will ich erst garnicht anfangen!
Natürlich ist keines dieser Systeme perfekt. Bürokratie gibt es reichlich, Wartezeiten ebenfalls und Reformbedarf sowieso.
Aber der entscheidende Unterschied ist ein anderer: Die meisten Menschen müssen sich nicht finanziell ruinieren, weil sie krank geworden sind.
➤ Willkommen im amerikanischen Gesundheitssystem
Jetzt wird es spannend. Denn viele Amerikaner argumentieren, dass sie weniger Steuern zahlen und dadurch mehr Geld in der Tasche haben. Theoretisch! Praktisch landet ein erheblicher Teil dieses Geldes bei Krankenversicherungen. Je nach Arbeitgeber, Bundesstaat und Versicherungstarif können Familienprämien problemlos deutlich über 1.000 Dollar pro Monat liegen. Selbst Einzelpersonen zahlen häufig mehrere hundert Dollar monatlich.
Der Clou: Selbst wenn man bereits jeden Monat Beiträge zahlt, bedeutet das noch lange nicht, dass die Versicherung einfach alles übernimmt. Im Gegenteil.
- Deductible: Erstmal selbst zahlen, bevor die Versicherung überhaupt ernsthaft mitspielt. Diese liegt im US-Schnitt bei 2.000 bis 8000 Dollar im Jahr. Diesen Betrag muss man erstmal selbst löhnen, bevor überhaupt die Versicherung greift.
- Co-pay: Kleine feste Beträge oder Anteile pro Arztbesuch oder Medikament. Ein Arztbesuch kann von 25 bis 80 Dollar kosten. Laut der Kaiser Family Foundation (KFF) gehören feste Zuzahlungen für Arztbesuche, Medikamente und Facharzttermine weiterhin zu den üblichen Bestandteilen vieler US-Arbeitgeberversicherungen. Die genaue Höhe hängt aber stark vom Tarif ab.
- Co-insurance: Selbst nach dem „Start der Versicherung“ zahlt man oft weiterhin prozentual mit. Das sind im Schnitt 20%. Das gilt aber erst, wenn der Deductible erreicht wurde.
Denn warum sollte eine Krankenversicherung medizinische Kosten vollständig übernehmen, wenn man sie auch teilweise beim Versicherten lassen kann? Und genau deswegen gibt es in den USA keine einzige Krankenversicherung die wirklich alles übernimmt, so wie hier in Deutschland!
Im Krankenhaus wird es nicht besser: Ein paar Tage im Krankenhaus können in den USA schnell den Gegenwert eines Kleinwagens erreichen: Durchschnittlich liegen die Kosten bei etwa 3.000 bis 4.000 Dollar pro Tag (OHNE Operation!). Der Grund ist nicht nur die teure Medizin oder Behandlung selbst, sondern auch ein System ohne einheitliche Preisdeckelung wie in vielen europäischen Ländern. Krankenhäuser und Versicherungen handeln ihre Preise aus – und für Patienten bleibt am Ende oft die spannende Frage: Nicht „Was kostet die Behandlung?“, sondern „Wer gibt mir noch einen Kredit?“
Besonders ironisch wird die Debatte dann, wenn dieselben politischen Stimmen Europa wegen seiner Sozialversicherungssysteme kritisieren. Denn ausgerechnet die USA geben pro Kopf mehr Geld für Gesundheit aus als nahezu jedes andere Industrieland. Trotzdem haben Millionen Menschen finanzielle Probleme wegen medizinischer Rechnungen. 41% der US-Amerikaner haben "medizinische" Schulden in einer Gesamthöhe von 220 Milliarden Dollar!
➤ Der Widerspruch in der Trump-Politik
Besonders bemerkenswert wird die Debatte beim Thema Medicaid. Medicaid ist das staatliche Krankenversicherungsprogramm für Menschen mit geringem Einkommen. Unter Trump und den Republikanern wurden strengere Arbeits- und Nachweispflichten eingeführt beziehungsweise ausgeweitet. Nach Schätzungen unabhängiger Stellen werden dadurch Millionen Menschen ihren Versicherungsschutz verlieren – häufig nicht, weil sie nicht arbeiten, sondern weil sie an bürokratischen Anforderungen scheitern oder die Voraussetzungen nicht mehr erfüllen. Und jetzt ratet mal, wer die meisten Empfänger von Medicaid sind? Richtig! Die einkommensschwachen MAGAs!
Der Widerspruch? MAGAs bleiben ihren Führ... äh... Präsidenten treu!
➤ Freiheit – aber für wen?
In amerikanischen Debatten fällt häufig das Wort "Freedom". Freiheit!
Die Freiheit nach einer Blinddarm-OP bankrott zugehen!
Doch Freiheit bedeutet eigentlich, krank werden zu können, ohne Angst vor finanziellen Folgen zu haben. Freiheit bedeutet, einen Krankenwagen zu rufen, ohne zuerst den Kontostand zu prüfen. Freiheit bedeutet, dass eine Krebsdiagnose nicht gleichzeitig eine Insolvenz bedeutet.
Man kann selbstverständlich darüber streiten, wie hoch Steuern sein sollten. Man kann über Bürokratie diskutieren. Über Ineffizienz. Über Reformen. All das ist legitim! Was jedoch wenig überzeugend wirkt, ist der Versuch, europäischen Sozialstaaten pauschal das Scheitern zu attestieren, während Millionen Amerikaner trotz hoher Versicherungsbeiträge zusätzlich Deductibles, Co-pays und Co-insurance zahlen – und manche trotzdem medizinische Rechnungen erhalten, die ein durchschnittliches Haushaltseinkommen sprengen können.
➤ Wieso kümmert's mich?
Ich habe keine Ahnung! ¯\_(ツ)_/¯
Vielleicht macht die amerikanische Regierung unter Trump eins offensichtlich: Das wir es gar nicht so schlecht haben!
Es gibt auch so eine Partei, die dieses Land immer in den Dreck zieht. Ich möchte damit die tatsächlichen Probleme jedoch nicht kleinreden.
Henk de Latra vor 2 Tagen
Da bin ich bei Dir - Deutschland ist bei weitem nicht perfekt, aber es geht auf der Welt oft noch viel schlechter oder schlimmer.
Ein großes Problem (Mitursache) an dieser Negativitätssicht auf Europa / Deutschland sind ja auch unsere eigenen Medien. Nachrichten bestehen generell aus Negativschlagzeilen oder Meldungen zu vermeindllich skandalösen Nichtigkeiten. Was an positivem passiert, also die good-news, ist egal. Es ist quasi die Depression des eigenen Volkes welche gefördert wird.
Bestärkt durch Fake-News narzistischer Großkapitalisten und Nationsführern sieht man selber irgenwann nur noch das Negative, statt sich hinter die sozialen Werte unserer Demokratie zu stellen und für deren Erhalt oder bestenfalls Verbesserung zu sorgen - soweit man im Rahmen seiner Möglichkeiten Einfluss nehmen kann.
Und zum Thema Abgaben - hier wird immer nur von Besteuerung gesprochen. Man sollte in der Politik mal über Sozialabgaben sprechen (Krankenkasse / Pflegeversicherung) - diese müssen dringend angepasst werden. Man sollten die Abgaben leicht senken, dafür jedoch auch auf Vermögensbildung außerhalb des eigentlichen Lohnes/Arbeitsentgeldes erheben. Die großen Milliardenvermögen werden ja nicht mit einem Job in der 40 Stunden Woche erwirtschaftet, bei 280.000€ Mindestlohn :-)
Würden jedoch z.B. Erträge aus Aktien und Kapital ebenfalls Sozialversicherungseinnahmen generieren, so kämen wir trotz einer leichten Senkung der prozentualen Abgaben auf wesentlich höhere Einnahmen in den entsprechenden Kassen. Da muss dann auch keine Steuer erhöht werden, weil der Staat wieder Milliarden an Kosten für Gesundheit und Pflege zuschießt, welche er bislang über Steuereinnahmen ausgleichen muss.
Das alles ist Meckern auf hohem Niveau, aber zum Glück ist es erlaubt in Deutschland über Deutschland Kritik zu üben. Diese ist wichtig und Bestandteil der Meinungsfreiheit. Nur darf dies nicht zu einer allgemeinen Negativsicht auf die Dinge führen, denn dadurch vergessen wir alle immer wieder schnell wie gut es uns grundsätzlich im eigenen Lande geht.
Ich wünsche Euch allen einen kriegsfreien Sonntag, ohne Hunger und medizinischen Mangel
Ein großes Problem (Mitursache) an dieser Negativitätssicht auf Europa / Deutschland sind ja auch unsere eigenen Medien. Nachrichten bestehen generell aus Negativschlagzeilen oder Meldungen zu vermeindllich skandalösen Nichtigkeiten. Was an positivem passiert, also die good-news, ist egal. Es ist quasi die Depression des eigenen Volkes welche gefördert wird.
Bestärkt durch Fake-News narzistischer Großkapitalisten und Nationsführern sieht man selber irgenwann nur noch das Negative, statt sich hinter die sozialen Werte unserer Demokratie zu stellen und für deren Erhalt oder bestenfalls Verbesserung zu sorgen - soweit man im Rahmen seiner Möglichkeiten Einfluss nehmen kann.
Und zum Thema Abgaben - hier wird immer nur von Besteuerung gesprochen. Man sollte in der Politik mal über Sozialabgaben sprechen (Krankenkasse / Pflegeversicherung) - diese müssen dringend angepasst werden. Man sollten die Abgaben leicht senken, dafür jedoch auch auf Vermögensbildung außerhalb des eigentlichen Lohnes/Arbeitsentgeldes erheben. Die großen Milliardenvermögen werden ja nicht mit einem Job in der 40 Stunden Woche erwirtschaftet, bei 280.000€ Mindestlohn :-)
Würden jedoch z.B. Erträge aus Aktien und Kapital ebenfalls Sozialversicherungseinnahmen generieren, so kämen wir trotz einer leichten Senkung der prozentualen Abgaben auf wesentlich höhere Einnahmen in den entsprechenden Kassen. Da muss dann auch keine Steuer erhöht werden, weil der Staat wieder Milliarden an Kosten für Gesundheit und Pflege zuschießt, welche er bislang über Steuereinnahmen ausgleichen muss.
Das alles ist Meckern auf hohem Niveau, aber zum Glück ist es erlaubt in Deutschland über Deutschland Kritik zu üben. Diese ist wichtig und Bestandteil der Meinungsfreiheit. Nur darf dies nicht zu einer allgemeinen Negativsicht auf die Dinge führen, denn dadurch vergessen wir alle immer wieder schnell wie gut es uns grundsätzlich im eigenen Lande geht.
Ich wünsche Euch allen einen kriegsfreien Sonntag, ohne Hunger und medizinischen Mangel



