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Marco Torrance am 28.08.26 um 17:38Reason Free: Ein verzweifelter Appetizer für Abgewanderte?
Vorab: Ich habe Reason 15 Jahre lang benutzt, bis einschließlich Version 7. Deshalb ist das hier kein Beitrag eines Haters, der Reason schon immer schlecht fand. Ganz im Gegenteil: Reason war über viele Jahre ein wichtiger Teil meines musikalischen Lebens und ich habe damit viele Veröffentlichungen realisieren können. Vielleicht sehe ich die aktuelle Entwicklung gerade deshalb so kritisch.
Als Reason Studios Reason Free angekündigt hat, war mein erster Gedanke nicht: „Wow, wie großzügig.“ Ich hatte vielmehr das Gefühl, dass dieses Angebot vor allem eine bestimmte Zielgruppe anspricht: ehemalige Reason-Nutzer. Menschen, die Reason irgendwann verlassen haben und heute mit Ableton Live, Bitwig, Cubase, Logic, Reaper oder einer anderen DAW arbeiten.
Für mich ist Reason Free deshalb vor allem eines: ein Appetizer für Abgewanderte.
➤ Reason Free kommt zu den NutzernDer entscheidende Punkt ist, dass Reason Free in erster Linie als Plugin gedacht ist. Reason Studios verlangt nicht, dass man wieder zu Reason als Haupt-DAW zurückkehrt. Man kann den kostenlosen Reason Rack in die DAW laden, die man ohnehin benutzt, und bekommt dabei bekannte Geräte wie Europa, Kong oder Scream 4.
Die Botschaft ist damit ziemlich offensichtlich:
Du musst deine heutige DAW nicht verlassen, um wieder ein Stück Reason zu benutzen.
Und genau das macht das Angebot aus meiner Sicht so interessant: Denn ehemalige Reason-Nutzer müssen ihren Workflow nicht ändern, keine Projekte umziehen und keine neue Arbeitsweise lernen. Sie installieren einfach ein Plugin und haben plötzlich wieder Teile der Reason-Welt vor sich.
Das ist strategisch clever. Reason verkauft zunächst nicht unbedingt eine neue DAW, sondern Vertrautheit. Europa, Kong, Scream, das Rack und die Rückseite mit ihren Kabeln – all das erkennen ehemalige Nutzer sofort wieder.
Natürlich ist Reason Free auch ein Einstieg in das größere kommerzielle System. Wer wieder Gefallen daran findet, kann weitere Rack Extensions kaufen oder zu den kostenpflichtigen Reason-Angeboten wechseln.
Genau deshalb sehe ich Reason Free als Funnel (Verkaufstrichter). Erst gibt es kostenlos einen Vorgeschmack, danach soll aus dem ehemaligen Nutzer vielleicht wieder ein zahlender Kunde werden.
➤ Früher war Reason eine eigene WeltDas ist für mich der große Unterschied zur ursprünglichen Propellerhead-Philosophie. Reason war einmal ein geschlossenes Ökosystem, und genau das war auch seine Stärke. Das Rack, die Geräte, die Verkabelung und die gesamte Arbeitsweise unterschieden sich deutlich von anderen DAWs.
Man benutzte Reason nicht unbedingt, weil es alles genauso gut machte wie Cubase oder Ableton. Man benutzte es, weil es anders war.
Für mich begann dieser Wandel mit der Einführung von VST-Unterstützung.
➤ VST hat das Rack-Extension-Ökosystem beschädigtVST war eines der meistgewünschten Features überhaupt. Viele Reason-Nutzer wollten endlich ihre Lieblingsplugins verwenden können, und 2017 kam Reason 9.5 schließlich mit VST-Unterstützung. Ironischerweise hatte Propellerhead Rack Extensions ursprünglich gerade deshalb entwickelt, weil man der klassischen VST-Welt skeptisch gegenüberstand. Der damalige CEO Ernst Nathorst-Böös erklärte später selbst diese ursprüngliche Philosophie und die Kehrtwende bei der Einführung von VST.
Für die Nutzer war VST zunächst natürlich ein Gewinn. Für das Rack-Extension-Ökosystem sehe ich darin allerdings einen Wendepunkt. Denn plötzlich musste sich eine Rack Extension mit einem universellen Plugin-Format messen.
Die Frage war dann sehr einfach:
Warum soll ich eine Rack Extension kaufen, wenn ich das entsprechende Produkt als VST kaufen kann und es anschließend nicht nur in Reason, sondern auch in anderen DAWs benutzen kann?
Damit verlor die Rack Extension einen wesentlichen Teil ihres wirtschaftlichen Vorteils. Das galt nicht nur für Käufer, sondern auch für Entwickler. Warum sollte ein Hersteller zusätzlich Zeit und Ressourcen in eine spezielle Reason-Version investieren, wenn VST einen wesentlich größeren Markt erreicht?
Dabei gab es durchaus Entwickler, die speziell für Reason RE-Versionen ihrer VST-Instrumente erstellt haben. Beispiele wie ABL oder ReSpire zeigen, dass das Rack-Extension-Ökosystem einmal attraktiv genug war, damit Unternehmen eigene Versionen ihrer Instrumente für Reason entwickelten.
Aus meiner Sicht hat VST dieses Fundament langfristig beschädigt. Nicht sofort und nicht zwingend technisch, aber wirtschaftlich. Denn plötzlich stand die kleine, exklusive Reason-Plattform in direkter Konkurrenz zum gesamten Plugin-Markt.
➤ ...und dann kam das Abo-ModellReason kann man weiterhin als Dauerlizenz kaufen. Gleichzeitig wurde Reason+ jedoch immer stärker als umfassendes Angebot positioniert. Das ist aus Sicht eines Unternehmens nachvollziehbar, denn wiederkehrende Einnahmen sind wesentlich planbarer als Kunden, die nur alle paar Jahre ein Upgrade kaufen.
Reason+ kombiniert die aktuelle Software mit allen Devices, zusätzlichen Inhalten und weiteren Dienstleistungen.
Für einen Teil der alten Kundschaft dürfte diese Entwicklung allerdings problematisch gewesen sein. Früher kaufte man Reason und konnte die erworbene Version nutzen. Heute wird das Abo-Modell immer stärker zu einem zentralen Bestandteil des Geschäfts.
Die wirtschaftliche Logik ist offensichtlich:
Warum einen Kunden einmal bezahlen lassen, wenn er dauerhaft zahlen kann?
Natürlich ist das zugespitzt formuliert. Aber genau darin liegt für viele langjährige Nutzer das Problem. Reason war einmal ein Produkt, mit dem man sich über Jahre identifizierte. Mit dem Abo verändert sich die Beziehung stärker in Richtung eines dauerhaften Kundenverhältnisses.
Dazu kommt die Erfahrung vieler Besitzer alter Versionen: Eine gekaufte Dauerlizenz bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Software auf jeder zukünftigen Hardware und unter jedem zukünftigen Betriebssystem problemlos weiterläuft. Wenn sich Autorisierungssysteme und technische Plattformen verändern, kann der Druck entstehen, auf eine neuere Version umzusteigen. Zum Beispiel läuft ein Reason 7 heute gar nicht mehr. Es könnte heute noch laufen, auch technisch, aber Reason Studios entschied sich das Autorisierungsverfahren für diese und andere ältere Versionen abzustellen.
➤ Reason Free ist eine ReaktionUnd genau vor diesem Hintergrund kann ich Reason Free nicht einfach nur als großzügiges Geschenk sehen.
Das Angebot ist ohne Zweifel attraktiv. Reason Studios verschenkt mit Europa, Kong oder Scream 4 keine bedeutungslosen Werkzeuge. Der kostenlose Rack soll bewusst einen Einstieg in die Reason-Welt ermöglichen.
Aber warum geht man diesen Schritt gerade jetzt?
Meine persönliche Vermutung lautet: Weil Reason Studios dringend Nutzer zurückhaben will.
➤ Ein Verzweiflungsschrei?Ob Reason Studios tatsächlich finanzielle Probleme hat oder rote Zahlen schreibt, kann ich nicht behaupten. Dafür fehlen öffentlich zugängliche Zahlen, die einen solchen Schluss eindeutig zulassen würden.
Aber Reason Free kann für mich durchaus ein Zeichen von wirtschaftlichem oder strategischem Druck sein.
Vielleicht geht es nicht um Verluste, sondern um eine geschrumpfte Nutzerbasis. Vielleicht verliert Reason seit Jahren an Bedeutung gegenüber anderen DAWs. Vielleicht reicht das bisherige Geschäftsmodell nicht mehr aus, um genügend neue Kunden zu gewinnen.
Genau deshalb wirkt Reason Free auf mich wie ein Versuch, wieder relevanter zu werden.
➤ Mein FazitVielleicht ist Reason Free eine hervorragende Strategie. Vielleicht gewinnt Reason Studios dadurch viele neue Nutzer, ehemalige Kunden kaufen wieder Rack Extensions und das Unternehmen schafft es, das System langfristig zu stärken.
Ich wünsche den Menschen, die Reason entwickelt haben und entwickeln, grundsätzlich keinen Untergang. Ich habe diese Software schließlich selbst 15 Jahre lang benutzt.
Trotzdem kann ich Reason Free nicht losgelöst von der Geschichte betrachten. Das einst geschlossene Ökosystem wurde geöffnet, VST hat die Bedeutung der Rack Extensions aus meiner Sicht massiv geschwächt, das Abo-Modell hat Teile der Stammkundschaft entfremdet und heute versucht Reason, als Plugin in fremden DAWs wieder Fuß zu fassen.
Deshalb bleibt mein Eindruck:
Reason Free ist für mich kein gewöhnliches Gratisangebot.
Es ist ein kostenloser Vorgeschmack auf eine Welt, die viele ehemalige Nutzer längst verlassen und vergessen haben.
Vielleicht glänze ich ja als Verschwörungstheoretiker, aber irgendwie gefällt mir der Sound im Masterbuss... Darum bleibe ich auch bei V12. Haben die nicht neuerdings am Mischpult was gemacht?
