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Marco Torrance

Marco Torrance

Blog

Marco Torrance am 14.07.26 um 00:38

Warum ich Sampling hasse...

...und warum es sich für mich oft wie „legales Klauen“ anfühlt

Musik ist für mich schon immer etwas gewesen, das von Kreativität, Persönlichkeit und Eigenleistung lebt. Genau deshalb habe ich mit Sampling seit vielen Jahren ein Problem. Ich weiß, dass diese Meinung nicht jeder teilt, und ich weiß auch, dass Sampling in vielen Musikrichtungen längst als kulturelles Stilmittel gilt. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass es sich oft wie eine Art legalisiertes Klauen anfühlt.

Ich habe mein ganzes musikalisches Leben versucht, ehrlich zu arbeiten. Wenn ich einen Song geschrieben habe, dann wollte ich, dass jede Melodie, jede Harmonie und jede Idee von mir stammt. Das war für mich selbstverständlich. Rückblickend frage ich mich allerdings manchmal, ob ich damit nicht der Dumme war.

Denn wenn ich heute sehe, wie viele Charterfolge auf Samples oder Interpolationen basieren, komme ich mir fast naiv vor. Während ich mir tagelang den Kopf über neue Ideen zerbrochen habe, greifen andere einfach auf bereits funktionierende Musik zurück und bauen daraus den nächsten Streaming-Hit. Natürlich ist das rechtlich häufig abgesichert. Trotzdem fühlt es sich für mich nicht nach derselben kreativen Leistung an.

Bin ich deswegen naiv? Ja, sehr wahrscheinlich!

Immerhin glaubt ich auch, dass viele Hits aus dem House-Genre mit echtem Aufwand produziert wurde. Ihr wisst schon, mit richtigen Streichern und Bläsern. Dabei waren es nur Loops aus den 70ern und 80ern.


Enigma

Ein Beispiel, das häufig genannt wird, ist Michael Cretu mit seinem Projekt Enigma. Musikalisch schienen die Produktionen außergewöhnlich und klanglich ihrer Zeit weit voraus. Gleichzeitig beruhte ein erheblicher Teil dieses Sounds auf fremden Aufnahmen und Samples.

Besonders bekannt wurde "Sadeness (Part I)". Der Song verwendete gregorianische Choraufnahmen, was schließlich zu einer rechtlichen Auseinandersetzung mit den Rechteinhabern führte. Am Ende wurde der Streit außergerichtlich beigelegt.

Noch bekannter ist der Fall "Return To Innocence". Die berühmten Gesänge stammen von den taiwanischen Amis-Sängern Difang und Igay Duana. Ihre Stimmen wurden ursprünglich ohne Genehmigung und ohne Namensnennung verwendet. Auch hier kam es zu einer Klage, die schließlich außergerichtlich beigelegt wurde. Seitdem werden die ursprünglichen Künstler offiziell genannt und an den Einnahmen beteiligt.

Gerade solche Fälle zeigen für mich, wie schmal der Grat zwischen Inspiration und Übernahme sein kann. Natürlich wurden diese Streitigkeiten letztlich geregelt. Trotzdem bleibt bei mir der Eindruck zurück, dass manche weltberühmten Songs ohne "Klauen" keine Hits geworden wären.

Sieht man sich die Werke von Cretu auf "WhoSampled" an, sieht man, dass nicht nur Vocals gesampled wurden, sondern viel, viel mehr. Es ist schon pure Ironie, dass Cretu mal meinte, er mag es neue Sounds zu kreieren. Das tut mir fast schon weh!


Kraftwerk und Moses Pelham

Noch deutlicher wird das Thema beim wohl berühmtesten Sampling-Streit Deutschlands: Moses Pelham gegen Kraftwerk.

Der Auslöser war gerade einmal eine etwa zwei Sekunden lange Rhythmussequenz aus "Metall auf Metall", die Pelham für Sabrina Setlurs Titel "Nur mir" verwendete. Was zunächst nach einer Kleinigkeit klingt, entwickelte sich zu einem Rechtsstreit, der über zwei Jahrzehnte nahezu alle Instanzen durchlief und sogar mehrfach den Europäischen Gerichtshof beschäftigte. Noch heute hat dieser Fall Auswirkungen darauf, wie Sampling urheberrechtlich bewertet wird. Erst 2026 präzisierte der EuGH erneut, unter welchen Voraussetzungen die sogenannte Pastiche-Ausnahme überhaupt greifen kann.

Genau dieser Fall zeigt, wie schwierig das Thema geworden ist. Auf der einen Seite stehen Künstler, die ihre Werke schützen möchten. Auf der anderen Seite Produzenten, die argumentieren, dass Sampling selbst eine Kunstform sei. Rechtlich mag das alles spannend sein. Emotional stehe ich trotzdem eher auf der Seite derjenigen, die ihre Musik selbst erschaffen haben.


Die Entwicklung der letzten Jahre

Heute besteht ein erstaunlich großer Teil der Charts aus Songs, die entweder sampeln oder interpolieren. Der Unterschied ist zwar juristisch wichtig, musikalisch aber oft kaum wahrnehmbar.

Anstatt neue Ideen zu entwickeln, wird immer häufiger auf Erinnerungen gesetzt. Man nimmt etwas, das Millionen Menschen bereits kennen, verpackt es moderner und erzielt damit erneut große Erfolge. Natürlich funktioniert das. Menschen lieben Vertrautes. Aber genau deshalb wirkt es auf mich häufig wie eine kreative Abkürzung.

Ich weiß, dass viele Produzenten das völlig anders sehen. Für sie ist Sampling eine Hommage, ein Werkzeug oder sogar eine eigene Kunstform. Das kann man in der Tat so interpretieren. Trotzdem werde ich meine Meinung wahrscheinlich nicht mehr ändern.

Vielleicht bin ich altmodisch. Vielleicht denke ich zu romantisch über Musik. Aber ich bewundere Künstler deutlich mehr, wenn sie einen Song komplett selbst erschaffen haben, statt auf bereits bestehende Ideen zurückzugreifen.


Manchmal frage ich mich sogar, ob ich zu ehrlich war.

Wenn ich sehe, wie viele Hits auf Samples oder Interpolationen basieren, frage ich mich unweigerlich, ob ich mir mein Leben unnötig schwer gemacht habe, insbesondere wenn man Tontechnik studiert hat. Ich habe immer versucht, alles selbst zu komponieren, eigene Sounds zu entwickeln und meinen eigenen Stil zu finden. Heute denke ich manchmal: War ich einfach zu stolz dafür? Zu stolz für ein kommerzielles Projekt?

Dieses Gefühl lässt sich schwer beschreiben. Es ist keine Verbitterung. Eher eine Mischung aus Enttäuschung und Verwunderung. Denn wenn man jahrelang versucht, alles aus eigener Kraft zu schaffen, während andere mit bereits existierenden Ideen enorme Erfolge feiern, fühlt man sich irgendwann fast wie derjenige, der die Regeln falsch verstanden hat.

Am Ende bleibt Sampling für mich ein Thema, das ich zwar akzeptieren muss, aber wahrscheinlich niemals lieben werde. Rechtlich mag vieles erlaubt sein. Künstlerisch kann man darüber streiten. Für mich persönlich wird es sich jedoch oft weiterhin wie eine Form des legalen Klauens anfühlen – selbst wenn die Gerichte manchmal etwas anderes sagen.

_Marco


https://www.WhoSampled.com/Enigma/Sadeness
https://www.WhoSampled.com/Enigma/Return-to-Innocence

Henk de Latra
Henk de Latra vor 15 Stunden
Moin Marco,

bei dem Thema bin ich voll bei Dir und komplett anderer Meinung gleichzeitig. Ja, ein wenig Naiv und zu Ehrlich - vermutlich bist Du zu Nett für diese Welt.. aber ich Denke Du hast die Regeln nicht falsch verstanden, bist nur nicht bereit diese im Grenzbereich zu nutzen.

Ein Vergleich ohne Musik: Mein ehem. Arbeitgeber hat sich in der Corona-Zeit schön Geld vom Staat geholt, welches Unternehmen zustand, deren Umsätze eingebrochen waren. Er zählte jedoch zu den Profiteuren, da sich der Umsatz nahezu verdoppelt hat. Clevererweise schrieb er aber einfach keine Rechnungen mehr, da genügend Kapital zur Zwischenfinanzierung der OPs vorlag, und schon hat er sich die Corona-Hilfe auszahlen lassen und anschließend die Forderungen bei den Kunden geltend gemacht. Rechtlich lt. seinem Anwalt und Steuerbüro einwandfrei ... Aber dennoch für mein Empfinden hart an der Grenze.

Ich bin beim Musikmachen vom Grundgedanken her irgendwie genau so gestrickt wie Du. Einfach irgendwas übernehmen (klauen) ist so gar nicht meins, sehe Sampling jedoch als Kunstform und Schaffensmöglichkeit / Prozess zur Generierung von Neuem, und vom Grundsatz her als Top Entwicklung. Da gibts in der Form, wie ich es gut finde, dann auch keine Streitereien bezgl. Rechte und klauen. Denn zerhacktes, umgekehrt abgespieltes und gepitchtes Soundmaterial, aus Sampling stammend, schafft in meinen Augen einen komplett neuen Kontent.
Und ohne Single-Shot Samples wären meine Anfänge mit elektronischer Musik ebenfalls undenkbar gewesen. Eine 909, 808 und viele Synthesizer konnte ich mir früher nicht leisten - einen Akai S2000 Sampler jedoch irgendwann schon. Außerdem basieren ja alle Rompler und viele Plug-Ins auf Sample-Basis.

Wie mit allem auf der Welt / jegliches hat seine 2 Seiten. Alles hängt nur davon ab, wie wir es einsetzen. Das gilt für Samples, die KI und Sprengstoffe. Letztere eingesetzt beim Tunnelbau - Tolle Sache, zum vorantreiben eines Projektils - gar nicht gut. Soweit mein naiver Senf zum Thema

Viele Grüße
Jürgen

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