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Von Leidenschaft und lockeren Schrauben

Interview mit Sell The Tab
Von Leidenschaft und lockeren Schrauben

Sell The Tab aka Dirke ist vielen hier bei MyOwnMusic als Redakteur und Verfasser vieler Songreviews bekannt. Darüber hinaus ist er allerdings - und in erster Linie - selbst Musiker, der auf eine beachtliche Erfahrung zurückgreifen kann. Seine heutige Musik beschreibt Sell The Tab als ein Projekt, welches den Weg von Elektro, EBM, Dark Wave, Gothic Rock, Synthie Pop und Rock verfolgt, allerdings keinen starren Blickwinkel auf diese Genres darstellt. Er verfolgt die Vermischung verschiedener Elemente, die in der Anfangsphase den Minimalismus mit klassischer Songstruktur verbindet.

Sell The Tab steht für klare und gerade Drumloops, die von düsteren Basslines unterstützt werden. Pads, zufällig aufgenommen Geräusche, Gitarren und Blasinstrumente komplettieren die Songs, welche das Fundament der Songs begleiten. Sell The Tab sucht, will verstehen und erklären.

Grund genug für uns einmal ein ausführliches Interview mit ihm in Angriff zu nehmen.

 

Hallo und Danke Dir herzlich für deine Bereitschaft, uns etwas mehr zu Dir und Deiner Musik zu erzählen. Welche Instrumente spielst Du und was bewegt Dich persönlich Musik zu machen?

Ich spiele Schlagzeug und Keyboards. Durch Musik verarbeite ich Erlebtes. Von daher würde ich den Beweggrund schon als einen natürlichen Vorgang bezeichnen, auf den ein Musiker nicht verzichten kann.

Beginnen wir mit ein wenig Historie. Deine ersten musikalischen Erfahrungen hast Du mit der Gothic Rockband "A Gate To ...?" gesammelt erzähle uns ein wenig über die Band und deine ersten musikalischen Schritte.

"A Gate To ...?" gründete sich über meinen Onkel Thomas, der Bass spielt und mich. Wir hatten Anfang Januar '90 einen Proberaum in Rheydt bekommen. Im Proberaum haben wir erstmal 2 Jahre gejammt. Danach haben wir angefangen, eigene Sachen zu entwickeln. Das waren 3 Songs. Ich hatte dann in Gerd's Musikladen (Mönchengladbach City) eine Anzeige von einem Gitarristen entdeckt, der auf The Cure und Joy Division steht und eine Band sucht. Wir haben dann schnell festgestellt, dass wir uns sehr mögen und so ist Christian zur Band gestoßen. Danach nahmen die ersten Songs schon Form an. Da erinnere ich mich noch gut dran. Wie die Songs auf einmal Fleisch auf den Rippen bekamen. Chris hatte sofort auch den richtigen Sound drauf. Wir 3 haben dann in der Zillo ein Inserat aufgesetzt, worin wir einen Sänger suchten. No stunts and poses!

So haben wir Markus Poschmann kennengelernt. Ein fast 2 Meter großer Hüne, der tief und düster singt. Wir hatten dann in 1 1/2 Jahren ein Set mit einem Dutzend Songs. Auftritte in Gladbach, Krefeld, Viersen und Umgebung folgten. Wir hatten sogar eine kleine Fanbase. Wir waren einmal im Studio von Roger Weitz und haben auch einige Aufnahmen im Proberaum gemacht, die allerdings sehr rudimentär waren. Ich treffe Markus öfter am Bahnhof in Krefeld, da er in Krefeld wohnt. Immer dann wenn ich Nachdienst hatte. Er schlägt mir immer wieder vor Musik miteinander zu machen. Mal schauen was draus wird.

Es war eine schöne Zeit mit viel Leidenschaft und Reibereien. Als Schlagzeuger habe ich mich in der Zeit zu einem Song Drummer entwickelt. Technik und raffinierte Tom Fills waren nie mein Ding.


Danach bist Du weg von Gothic Rock hin zur alternativen Rockband "Seriocide". Was waren die Gründe für die Neuorientierung und was waren Deine wichtigsten Erfahrungen in der Band?

Ich kannte eine Band, die auf einem Crossover Sampler vertreten war, die sich Les Hommes Qui Wear Espandrillos nannten und aus Hückelhoven kamen. Ich fand die Band ziemlich abgedreht. Das Stück hatte viel Wave, ein wenig Punk und Funk. Und dann diese schräge Stimme von Markus Kreutzer. Und diese Band spielte dann damals im Step in Gladbach. Wir hin! Die Band hatte einen so eigenen Drum- und Gitarren-Sound, wie wir ihn selten vorher gehört hatten. Hart und sehr mittig! Ich kannte die Band vorher auch nur vom Sampler. Aber die Band hatte sich mit ihrer damals aktuellen LP Bloodfish schon stark in den tiefen und schweren Bereich weiterentwickelt. Dieser Sound hat uns sofort gepackt und unsere Jams sehr beeinflusst. Dazu gesellten sich viele Bands, die vom Blunoise Label aus Troisdorf kamen. Wir haben uns der Gothic Scene nie wirklich angehörig gefühlt, da wir dazu viel zu große Rüpel waren. *haha*. Die Musik, die Scene und ihre ganzen Stereotypen haben uns irgendwann gelangweilt. Wir wollten etwas eigenes, lautes, aber dennoch songorientiert. Casper Brötzmann hatte auf Christian auch einen großen Einfluss. In der Zeit habe ich angefangen, vermehrt Songs zu schreiben, indem ich meine Ideen auf ein Diktiergerät aufgenommen habe. Daraus sind auch einige Songs entstanden. Mein jetziges Wissen um Songwriting hat hier aktiv begonnen.

Was war Dein schönstes oder ärgerlichstes Bühnenerlebnis?

Mit Seriocide war es genau desselbe wie mit A Gate To...?. Es waren sogar die gleichen Locations. Außer in Aachen im Bunker und einem Auftritt in D‘dorf. Da waren nur 20 Leute. War trotzdem schwer geil. Mit Seriocide haben wir immer gut gerockt. Da waren nie Ausfälle. Das beste Erlebnis war mit den Jungs im Project 42 in Gladbach. Der Laden war voll und die sind voll auf uns angesprungen. War eine coole Atmosphäre. Der Schlagzeuger der Gladbacher Punk Band EA80 hat danach noch mein Drumming gelobt, was mich natürlich mächtig stolz gemacht hat. Ich hatte mehrere Male Gänsehaut bei der Performance. Mit A Gate To...? hatten wir aber auch mal einen Gig gemeinsam mit einer Metal Band in Krefeld. Die hatten ihre ganze Fan Base da. Und die haben uns die ganze Zeit böse angeschaut. Und dann hat sich eine Schraube an meinem Bassdrumpedal gelöst. Dadurch hat sich dann die Kette gelöst. Und dann hätte ich mich am liebsten aufgelöst. War ein totaler Scheiß Gig!


Um Studiokosten zu sparen bist Du dann selbst mit Investitionen in den Recording Sektor eingestiegen. Wie sieht heute Dein Equipment aus?

Der Seriocide Rechner ist ein Dual Core Pentium 2 ghz mit 2 Gigabyte Arbeitsspeicher. Nichts Dickes. Verbaut ist eine RME DIGI 9636. Aufgenommen wird über einen 8fach Preamp der Firma SM Pro Audio. Als Abhöre dient uns die Yamaha HS 80M. An Mic‘s fürs Schlagzeug nutze ich Shure SM 57, Shure Beta 56A, Audio Technica AT 4040 und MXL 991. Mein Schlagzeug ist ein altes Tama Rockstar mit Zildjian, Sabian und Zultan Cymbals.

Zuhause nutze ich ein Quad Core mit 32 Gig, ein RME Fireface 400, mit welchem ich mehr als zufrieden bin, Monkey Banana Turbo 6 Boxen, ein Akai MPK 49 Midi Keyboard, Sonar 7 PE DAW, Native Instruments Komplete 5 Instrumentenbundle, SSL Duende Classic DSP Effekte, Audio Technica AT 4040 und Shure SM7 b Mikros für Vocals und einem neuen Moog Minitaur Bass Synth.

Wie entstehen Deine Songs, wie produzierst Du und woher nimmst Du die Ideen?

Die Idee zum Song entsteht in erster Linie aus einer Laune heraus. Wenn wir von einem klassischen Songaufbau sprechen, fange ich meistens mit Drums und Bass an. Wenn die funktionieren, hat man schon sehr viel erreicht. Aber egal, ob ich normal mit  Intro / Strophe / Refrain / Bridge / Strophe / Refrain / Outro arbeite, achte ich stets auf einen Steigerungsgrad. So arbeite ich mich dann von Spur zu Spur, mixe dabei natürlich schon in Subgruppen und Hallräume und verschwende hin und wieder einen Gedanken an eine Gesangsspur. Mit dem Gesang beginne ich meist, wenn ich das Instrumental zu 90 % fertig habe. Einflüsse gibt es viele. Oft ist es andere Musik, mein Privatleben, die Fahrt in der S-Bahn, soziale Missstände, Bücher, Comics und Filme, andere Musiker hier bei MOM, die mich anspornen, oder mein Job, ein Nachbar um die Ecke und sehr oft die Liebe zu meiner Christine.


Gibt es musikalische Vorbilder für Dich und – eiferst Du denen nach?

Lennon, Ferry, Bowie, Strummer und Curtis sind für mich die wichtigsten Namen. Deren Platten sind in mein Gehirn gemeißelt, beeinflussen mein musikalisches Handeln daher natürlich. Aber da gibt es noch soviel gute Musik da draußen, die bis zum heutigen Tag erschienen ist und mein Handeln beeinflusst hat. Ich eifere ihnen aber nicht nach, sondern bilde aus dem Ganzen meine eigene Mischung.


Mit wem würdest Du gerne einmal zusammen arbeiten ?

Mit Robert Smith von The Cure oder mit Jaz Coleman von Killing Joke das wäre ein Traum. Ich würde aber auch mal gerne einen Beat für Aydo Abay (Ken, Ex-Blackmail) machen, weil ich seine Stimme total geil finde. Bei MOM würde ich gerne mal was mit Paul Bernado machen. Den bewundere ich. Ich wollte ihn eigentlich vor einiger Zeit gefragt haben, da wir beide uns lange unterhielten. Aber irgendwie war ich doch ein wenig schüchtern. Oder habe ich doch gefragt, Paul? ;-)

Junikon wäre ein anderer Kandidat. Deren Sound finde ich abartig gut. Mit Dir wird ja bald auch was laufen. Ich sag nur Reggae!


Hattest Du schon Veröffentlichungen?

Eine LP mit 14 Stücken, eine EP, die noch nicht ganz fertig ist und 3 Stücke aus Projekten mit anderen Musikern.


Wie sehen Deine musikalischen Pläne für die Zukunft aus?

Die EP fertig kriegen, wobei 4 Stücke noch folgen. Und dann die neue LP "Rock Will Pop Itself".


Was ist Dein Lebensmotto?

Leben und leben lassen.


Wie bist du auf MyOwnMusic aufmerksam geworden und was gefällt Dir an MyOwnMusic besonders gut oder weniger gut ?

Ich war bei mp3.de. Als sich der Untergang abzeichnete, habe ich 5 Sekunden gesucht und ziemlich schnell die MyOwnMusic Seite gefunden. 2009 habe ich mich angemeldet. MOM war von Anfang an für mich darauf ausgerichtet, direkt Kontakt zu anderen Musikern herzustellen. MOM-Radio war 2009 noch sehr aktiv. Da hat man dann mal eben bei Marcy angerufen und sich vorgestellt. Das war schon sehr kommunikativ. Live on air! Ich hab hier schnell viele Leute kennen gelernt, und es hat sich auf jeden Fall eine Art Gemeinschaft entwickelt. Und das Erfreulicherweise ist: Durch eine Menge von Genres. In dem ein oder anderen Fall sind sogar richtig fette Freundschaften draus entstanden. Wenn man so eine Bande hinter sich stehen hat, macht es schon großen Spaß sich auszutauschen, sich Tipps zu geben oder sich allgemein über Musik zu unterhalten. Es stärkt, gibt Vertrauen und lässt familiäre Gefühle aufkommen. Negativ finde ich eigentlich überhaupt nichts. Die positiven Gefühle zu MOM überwiegen stark.


Du bist ja auch Redakteur hier auf MyOwnMusic, nach welchen Kriterien beurteilst Du die Musik in unserer Community ?

Mir ist das Komplett-Paket aus Inhalt mit Seele, unterhaltsamen Arrangement und guter Technik natürlich sehr wichtig. Gerade in Zeiten des Loudness Wars hört man so viel „kaputte“ Musik. Ansonsten versuche ich die Musik schon sehr in ihrem Genre zu sehen und sie dementsprechend zu bewerten. Wenn es authentisch ist, ist es geil! Aber bitte seid ehrlich zu euch selber. Wenn ihr nicht singen könnt, lasst es bleiben. Vielleicht gibt es jemand in eurem Umfeld, der es besser kann.


Zum Abschluß noch die obligatorische Frage an Dich nach Deiner All Time Top Ten.

The Beatles - A day in the life

John Lennon - Imagine

The Who - Baba O’Riley

David Bowie - Heroes

Pink Floyd - Astronomy Domine

Sex Pistols - God Save the Queen

The Clash - White Riot

Joy Division - New Dawn Fades

Killing Joke - Wardance

Kate Bush - Wuthering Heights


Herzlichen Dank für das tolle und sehr informative Interview.

MyOwnMusic wünscht Dir viel Erfolg und weiterhin viel Spaß an der Musik.

 

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In eigener Sache:



Kommentare

Tim Tonic
Tim Tonic January 2014
Feines Interview! Der Dirke hat was zu erzählen...


von  Mindmovie am 07.01.2014
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